Wie Sie sich effektiv verändern können

Das ewige Warten und Hoffen auf eine Lösung im Außen bringt vor allem eines: Das Vertagen von Veränderung. Zugegeben, viele Bücher, Experten und Kurse geben vor, die Lösung zu kennen: „In 10 Schritten zum Erfolg…“, „in sechs Wochen zur Traumfigur…“, „mit diesen fünf Tipps bleiben Sie nicht mehr länger Single…“.

Für mich als Coach gibt es einen Grundsatz: Das höchste Niveau ist individualisiert. Das bedeutet, dass diejenigen, die einem wirklich bei nachhaltigen Veränderungen, der Erreichung von Zielen und dem Überwinden von Blockaden helfen können, arbeiten individuell auf die Person zugeschnitten. Ja, es gibt Tendenzen, mentale Strukturen und menschliche Bedürfnisse, die sich ähneln. Doch was genau ein Mensch braucht, wie er oder sie Informationen verarbeitet, welche Sinnespräferenzen vorliegen, welche Kommunikations- und Informationsstrukturen und innere Motivatoren vorliegen, welche Glaubenssätze stärken und welche limitieren, was ein Mensch braucht und wie viel davon… dass alles ist höchst individuell.

Doch brauchen wir immer einen Coach, Therapeuten oder Berater, um neue Ergebnisse erzielen und Veränderung erreichen zu können? In Vorgesprächen mit potenziell neuen Klienten erlebe ich es oft, dass ich den Sinn des Coachings hinterfrage. Bei manchen Menschen, die sich für ein Coaching interessieren, steht mehr eine diffuse Vermutung dahinter, irgendwie doch noch besser werden und irgendein Defizit ausgleichen zu müssen! Nicht selten liegt dahinter der Glaubenssatz, so noch nicht gut genug und meist auch nicht richtig zu sein. Und auch, wenn ein einzelner Satz, ein bestimmter Augenblick oder eine einzige neue Information schon ausreichen kann, um eine grundlegende Veränderung zu bewirken, so dürfen wir uns auch eingestehen: wir tragen bereits wesentlich mehr Potenzial, wesentlich mehr Kraft und Fähigkeiten in uns als wir glauben. Und dahingehend benötigen wir keinerlei Abhängigkeiten von „Experten“, Kursen oder Büchern. Vielmehr dürfen wir uns in Selbstakzeptanz schulen und unsere vorhandenen Potenziale erkennen und stärken als uns weiter zu bemühen, jemand anderes sein und fremden Idealen entsprechen zu wollen. Und da, wo wir nicht weiterkommen, wir eine Veränderung schneller brauchen oder unsere eigenen Versuche gescheitert sind, ist Coaching das richtige.

Wenn mich Kunden fragen, was am effektivsten zu einer radikalen Veränderung führt, dann nenne ich stets diese beiden Wörter:

Erfahrungen + Umfeld.

Wenn wir entgegen unserer eigenen DNA, unserer individuellen Gehirnstruktur und unserer bisherigen Denk-, Verhaltens- und Reaktionsgewohnheiten eine wirkliche Möglichkeit schaffen wollen, unseren Blick für Neues zu öffnen, neue Ergebnisse zu schaffen und neue Informationen zu verinnerlichen, dann gelingt uns dies durch ein neues Erleben. Erst dieses Erleben löst eine reale Emotion in uns aus, die wir zwingend benötigen, damit aus dieser Erfahrung etwas entsteht, das wir nachhaltig verinnerlichen und neuronal verankern. Kurz gesagt:

Eine kraftvolle Erfahrung schafft neues Empfinden, dies schafft eine neue Überzeugung und dies führt zu neuem Denken und Handeln. Und jede neue Erfahrung beginnt zunächst im Kopf. Erst neues Denken führt zu neuem Handeln. Dies führt folglich zu neuen Ergebnissen und dadurch zu neuer Überzeugung und Gewohnheit und in der Folge zu nachhaltiger Veränderung. Erleben verbunden mit Emotion schafft also Veränderung. Denn: Veränderung entsteht nicht durch neues Wissen, sondern durch neues Handeln.

Wir brauchen dieses Erleben, damit aus theoretischen Informationen echte Erfahrungen und tief in uns gespeicherte Überzeugungen werden. Ein gesunder Mensch vorausgesetzt kann also durch das Schaffen neuer Erfahrungen Veränderung selbst herbeiführen.

Doch unklares Denken erzeugt unklares Handeln. Das bedeutet: Unser Fokus muss zielgerichtet sein, um auch gezielte neue Veränderung erreichen zu können. Verlieren wir diesen Fokus, verlieren wir die Klarheit unseres Handelns und in der Folge verlieren wir viel Energie. Stattdessen sammeln wir auf diesem Zickzack-Kurs weiter Erfahrungen, die unsere negativen Glaubenssätze und Befürchtungen weiter befeuern.

Durch neue Erfahrungen bilden sich neue Glaubenssätze, neue Informationen werden aufgenommen und neue Gewohnheiten machen sich breit. Denn wer permanent „besser“ werden will, der orientiert sich stark an anderen. Das permanente Vergleichen führt zu einem omnipräsenten Gefühl des Mangels. „Fear of missing out (FOMO)“ wird die Angst genannt, wir könnten etwas verpassen: Chancen, Erfolge, Freunde, Möglichkeiten, Liebe, Reichtum, Gelegenheiten, Abenteuer… Doch Überfluss führt zur Völle, nicht zur Fülle. Dies trifft auch auf das Thema Persönlichkeitsentwicklung zu. Zwischen Yoga, Meditation, Sport, Karriere, persönlichen Zielen, Workshops, Freunden, Facebook und Instagram, Reisen, Familienplanung, Hauskauf, Altersvorsorge, gesunder Ernährung, Ted Talks, Podcasts usw. bleibt kaum noch Zeit für das, was wir Leben nennen. Bücher, Hörbücher, Tagebücher, Zielebücher, Erfolgsbücher, Traumbücher, Dankbarkeitsbücher… Immer auf der Suche nach uns selbst, nach Erfolg, Gesundheit, Liebe, Glück, Erfüllung und Sinn. Nach dem Grundsatz: Wenn ich dieses eine Buch gelesen habe, den einen Workshop besucht habe, dass eine Video gesehen habe, dann… Doch jede Form der Abhängigkeit führt irgendwann zu Leid. Die Folgen dieses „noch dieses müssen“ sind: wir leben fast nie im Jetzt, wir sind selten wirklich zufrieden, wir orientieren uns defizitär an dem, was wir noch nicht können, es etabliert sich eine „Wenn, …dann“-Strategie: erst wenn ich dieses oder jenes gelernt oder gemacht habe oder geworden bin, dann mache ich dieses oder jenes. Ich persönlich glaube nicht an diese „Wenn, …dann“-Strategien, denn sie funktionieren einfach nicht. Es gibt immer noch wenigstens ein Wenn, das uns vom Dann abhält. Der Verstand erschafft eine Art Besessenheit von der Zukunft als Flucht vor der unbefriedigenden Gegenwart. Kognitives Verstehen, Einsicht und tatsächliche Verhaltensänderung sind unterschiedliche Dinge. Doch die Kunst des glücklichen Lebens liegt in der Prozessorientierung. Nur, wenn auch der Prozess zur Zielerreichung ein freudvolles Leben bedeutet, ist es das richtige Ziel.

Um ein neues Erleben und Handeln auch umsetzen und dauerhaft leben zu können, bedarf es des richtigen Umfelds. Dabei geht es nicht darum, Ihr vorhandenes Umfeld auszutauschen und langjährige Freunde zu verlassen. Vielmehr geht es darum, Ihren eigenen Maßstab zu definieren und zu überprüfen, wessen Erwartungen Sie zu erfüllen versuchen.

Unsere Grenzen werden von den Menschen um uns herum definiert, denn wir vergleichen uns mit dem Durchschnitt. Das Leben der meisten Menschen spiegelt die (vermeintlichen) Erwartungen ihrer direkten Umgebung wider. Oder wie ein Zitat aus dem Film „Das Beste kommt zum Schluss“: „Du misst dich an den Menschen, die sich an dir messen.“ Sind Sie beispielsweise von eher erfolglosen Menschen umgeben, werden Sie sich automatisch kleiner und erfolgloser machen oder sich mit weniger zufrieden geben. Z.B. um andere nicht zu verletzen, nicht als arrogant oder eingebildet zu gelten und um vor allem der angeborenen Urangst aller Menschen entgegenzuwirken: nicht dazuzugehören. Hinzu kommt, dass jeder – also auch unser Umfeld – Angst vor Veränderung hat. Sind Sie also die Person, die sich verändert, hat Ihr Umfeld Angst (z.B. dass Sie sich entfernen, Sie an Kontakt verlieren, Sie erfolgreicher als sie selbst werden, Sie die anderen nicht mehr mögen usw.). Ihr Umfeld wird an diesem Punkt versuchen, Sie im Status-quo zu halten. Die traurige Wahrheit ist, dass für viele die Erfolge der anderen sich wie die eigenen Misserfolge anfühlen.

Typischerweise bestimmt unser Umfeld unseren Standard: Dass, was alle machen, wird zur Regel. Mit wem wir Zeit verbringen, zu dem werden wir. Sigmund Freud wird dieses Zitat zugeschrieben, obgleich dies nicht belegt ist: „Before you diagnose yourself with depression or low self-esteem, first make sure that you are not, in fact, just surrounded by assholes“ (zu deutsch: “Bevor Du Dir selbst Depression oder einen Minderwertigkeitskomplex diagnostizierst, stelle sicher, dass Du nicht einfach nur von Arschlöchern umgeben bist“). Der indische Philosoph und Theosoph Jiddu Krishnamurti drückte es ebenfalls provokant aus: „Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine zutiefst kranke Gesellschaft zu sein“. Schauen Sie also hin, ob Sie eine Umgebung haben, die Ihnen gut tut, Sie genau deswegen akzeptiert werden, weil Sie so sind, wie Sie sind, Sie fördert, fordert und das Beste aus Ihnen herausholt, ohne Angst zu haben, sich dadurch selbst kleiner zu fühlen. Suchen Sie sich eine Umgebung, in der Sie strahlen dürfen, ohne sich zu verstecken, zu entschuldigen oder zu verbiegen. Umgeben Sie sich mit Leuten, die Sie entweder unterstützen, oder bereits das erreicht haben, was Sie noch erreichen möchten. Denn wir sind nicht, was die anderen über uns denken. Wir sind, was wir aus uns machen!

Beim Formieren des richtigen Umfelds gibt es für mich einen Leitsatz: Liebe und akzeptiere deine Familie und Freunde. Trenne dich von Menschen, die dir schaden, dich klein machen, dich ausnutzen und dir ein Gefühl geben, dass du so nicht richtig bist. Und suche dir ein Umfeld von Menschen, mit denen du wachsen und wirklich erfolgreich werden kannst.

Neben dieser Anpassung an die eigene Peergroup und dem Streben nach Akzeptanz setzt sehr häufig ein Verhalten ein, das paradox und kontraproduktiv ist: Wir bewerten, kritisieren und verurteilen die anderen. Andere zu verurteilen macht es aber unmöglich, Ihre Ziele zu erreichen, da Sie Angst haben, dass Sie selber kritisiert, beurteilt oder abgelehnt werden. Hinzu kommt: Wenn Sie andere abwerten, niedermachen oder lästern, versuchen Sie, sich überlegen zu fühlen und denken, Sie könnten Ihre eigene Verwundbarkeit schützen. In Wahrheit schaffen Sie dadurch aber eine Kultur von Scham. Das wahre Geheimnis, sich von der Angst vor der Beurteilung anderer zu befreien, liegt darin, selbst andere nicht mehr zu beurteilen oder zu verurteilen. Wie oft finden wir das Verhalten anderer lächerlich und verurteilen diese. Hören Sie auf damit, negativ zu bewerten. Reden Sie nicht schlecht über andere hinter deren Rücken. Hören Sie auf, dadurch weiterhin ein Klima von Scham, Angst und Schuld zu schaffen. Sie werden sehen: wenn Sie wirklich aufhören, permanent andere zu beurteilen und zu verurteilen, wird Ihre eigene Angst vor Kritik, Zurückweisung, Ablehnung und die Befürchtung, andere könnten mit ihrer Ablehnung recht haben, verschwinden. Hinzu kommt, dass wir ganz oft genau das für unser eigenes Glück und unseren eigenen Erfolg benötigen, was wir bei anderen ablehnen. „Die Kritik an anderen hat noch keinem die eigene Leistung erspart“, so Noël Corward.

Auf dem Weg der Veränderung geht es nicht darum, noch mehr Wissen ansammeln zu müssen, auf einen Guru angewiesen zu sein oder noch mehr von dem immer Gleichen zu tun. Es geht darum, mit all den Dingen aufzuhören, die Sie bisher nicht weitergebracht haben und durch die Sie nur Ihr Leben jeweils auf das Morgen vertagen.

Hören Sie auf, nach einer magischen Pille zu suchen.

Hören Sie auf, sich selbst anzulügen.

Hören Sie auf, alles verstehen und korrigieren zu wollen.

Hören Sie auf, sich unentwegt über die Umstände zu beschweren.

Hören Sie auf, die immer gleichen Geschichten immer und immer wieder zu erzählen.

Hören Sie auf, sich selbst zu bedauern.

Hören Sie auf zu warten, bis Sie angeblich bereit sind.

Hören Sie auf zu versuchen, perfekt in allem zu sein.

Hören Sie auf zu versuchen, die Kontrolle über alles zu behalten.

Hören Sie auf, die Zukunft auf Basis Ihrer Vergangenheit berechnen zu wollen.

Hören Sie auf, alles und jeden zu beurteilen und in gut und schlecht zu bewerten.

Es geht nicht darum, noch eine andere Technik zu lernen, ein neues Buch lesen oder ein weiteres Seminar besuchen zu müssen. Es geht darum, mit all dem aufzuhören, das Ihr Unglück, Ihre Unzufriedenheit und Ihr Leid weiter aufrechterhält. Dabei ist es nicht entscheidend, was Sie tun, sondern um den empfundenen Zwang dahinter. Freudvoll ein Buch zu lesen oder aus Lust und Neugier ein Seminar zu besuchen, ist wunderbar, so lange wir nicht denken, dass wir dies für unser Glück, für die Erreichung unserer Ziele und unseren Erfolg zwingend brauchen und das Leben bis dahin vertagen. Es geht darum, das Gefühl, „nur noch einmal und dann werde ich glücklich sein und wirklich leben“ loszulassen… Die größte Erfolgslüge ist „ich bin noch nicht so weit“. Hören Sie auf – und fangen Sie an zu leben. Jetzt!