“Ohne Angst gibt es keinen Mut”

Marcel:
Simon, du hast wie dein berühmter Vater Reinhold Messner eine Leidenschaft für das Bergsteigen entwickelt und beeindruckende Gipfelbesteigungen sowie Expeditionen durchgeführt. Du hast dir einen Namen als talentierter und mutiger Alpinist gemacht und bist sowohl in den Alpen als auch in anderen Gebirgsregionen weltweit aktiv. Besonders bemerkenswert ist aber dein Lebensweg, da du unter Höhenangst leidest, dich dennoch diesen enormen Herausforderungen stellst und dabei derart beeindruckende Erfolge erzielst. Du hast gelernt, mit deiner Angst umzugehen und verfolgst trotz Höhenangst deine Leidenschaft für das Bergsteigen. Du dienst als herausragendes Beispiel dafür, dass selbst erfahrene Bergsteiger mit persönlichen Herausforderungen konfrontiert werden können und du durch deinen Mut und deine Entschlossenheit Hürden überwindest, daran wächst und am Ende deine Ziele erreichst.

Es ist faszinierend zu sehen, dass du als erfahrener Alpinist trotz deiner eigenen Höhenangst erfolgreich Gipfel erklimmst. Kannst du uns etwas darüber erzählen, wie du mit dieser Angst umgehst und welche Strategien du entwickelt hast, um sie zu überwinden?

Simon:
Ich bin relativ spät zum Klettern gekommen. Wie viele vielleicht wissen, liegt das traditionelle Bergsteigen bei uns in der Familie. Meine beiden Schwestern und ich haben schon sehr früh spannende Geschichten von meinem Vater erzählt bekommen. Berggeschichten von einem Hermann Buhl, aber auch Abenteuergeschichten wie Shackleton am Südpol. Es ist spannend, dass mich das Thema zwar schon immer sehr fasziniert hat, aber es wirklich selbst ausprobiert habe ich erst sehr spät mit 15 oder 16 Jahren. Und dann habe ich gemerkt, dass ich ziemliche Höhenangst habe. Eine wirklich einschneidende, essentielle Angst, die ich im Alltag überhaupt nicht kannte. Es ist eine Art Zwiespalt in mir entstanden während des Kletterns. In dieser Zeit war ich auch zuhause im Tal gedanklich in meinem Kopf immer in den Wänden der Dolomiten unterwegs. Und wenn ich am Wochenende dann klettern war, wollte ich nur noch raus aus dieser Wand. Es war ein absolutes Missverhältnis. Bis ich begriffen hatte, dass es an mir selbst liegt und dass ich an mir arbeiten muss, um die Angst in den Griff zu bekommen. Es ist ein langer, langer Prozess geworden und er dauert bis heute noch an. Ich klettere nun seit ca. 16 Jahren und sehe die Angst etwas differenzierter, als eine Art Überlebenshilfe, Überlebensstrategie, als eine Art guten Freund, der mir sagt: “Bis dorthin und nicht weiter.” Oder der mir in ganz brenzligen Situationen das etwas mehr an Kraft gibt. Denn die Angst kann gewisse Kräfte in uns mobilisieren für Dinge, die wir uns ohne Angst nicht zutrauen würden.

Marcel:
Ängste können uns in vielen Lebensbereichen beeinträchtigen und zurückhalten. Welche Ratschläge oder Techniken würdest du Menschen geben, die mit Ängsten konfrontiert sind und danach streben, ihre eigenen Grenzen zu erweitern und ihre Ängste zu überwinden?

Simon:
Ich habe lange an mir gearbeitet. Mir selbst hat sehr geholfen, mein Kletterkönnen auszubauen. Denn wenn ich mir selbst sicher sein konnte, an bestimmten Kletterstellen nicht zu stürzen, gab es eigentlich keinen Grund mehr, Angst zu haben. Dieses Gefühl, das ich in mir entwickelt habe, die Sache im Griff zu haben und zu wissen, wann ich umkehren möchte und muss, hat mir sehr geholfen. Es hat mir vor allem auch geholfen, mich ein wenig selbst zu überlisten und mir diese Art von Sicherheit zu geben. Aber es gibt Tage und Situationen, an denen habe ich noch immer diese Angst, teilweise auch berechtigt. Denn diese Ängste oder ein schlechtes Bauchgefühl können ein wichtiger Hinweis sein. Wenn ich beispielsweise in einem lawinenschwangeren Hang stehe, wo ich besser nicht stehen sollte und dabei ein schlechtes Gefühl habe, ist es sehr gut, Angst zu haben. Dann ist es klug, vorsichtig aus dieser Wand zurückzugehen, anstatt weiterzugehen. Und dann gibt Momente, die sehr viel mit dem eigenen Kopf zu tun haben und mit dem, wie man sich die Dinge “schönredet”. In diesen Situationen hilft die Angst, im Vorstieg oder in einer schwierigen Seillänge, aus der man nicht mehr zurückkommt und einfach durch und nach vorne gehen muss, das letzte Quäntchen an Kraft zu mobilisieren, damit man nicht stürzt. Ich denke, es ist ähnlich wie bei Ängsten generell. Sie gehören zu uns und man muss versuchen, diese Ängste zu akzeptieren. Ich möchte nicht behaupten, dass man sie vollständig loswerden wird, denn das sollte man vielleicht auch gar nicht. Es geht meiner Meinung nach wirklich um die Akzeptanz und den Umgang mit den Ängsten.

Marcel:
Ja, Akzeptanz und der Umgang mit den eigenen Ängsten sind wichtige Kriterien bei der Angstbewältigung. Das Bergsteigen erfordert oft Mut, Entschlossenheit und die Fähigkeit, Ängste zu bewältigen. Wie hat dich das Überwinden von Ängsten beim Bergsteigen auch in anderen Bereichen deines Lebens gestärkt und welche wichtigen Lektionen hast du daraus gelernt, die auf die Überwindung von Ängsten im Alltag übertragbar sind?

Simon:
Eine spannende Frage. Es ist schwierig, das Bergsteigen direkt auf den Alltag zu spiegeln. Aber generell kann ich sagen, dass man durch das Bergsteigen eine Entschlossenheit und eine Art Durchhaltevermögen entwickelt, die es im Gebirge einfach braucht. Beim Höhenbergsteigen und generell bei langen Bergtouren braucht man sehr viel Durchhaltevermögen und einen starken Kopf. Und das lernt man sicher im Gebirge und das nimmt man auch mit ins Tal. Allerdings würde ich schon differenzieren und sagen: Ich gehe in die Berge, weil mir das Tal teilweise zu eng ist. Also ist der Berg für mich ein Freiraum, eine Art Fluchtmöglichkeit von dieser schnelllebigen Zeit. Es sind also eigentlich zwei verschiedene Dinge. Doch wenn ich im Laufe der Jahre etwas von den Bergen habe lernen dürfen, dann ist es wohl Demut. Wer schon einmal eine eiskalte Nacht in einem Biwak verbringen musste, weil er nicht rechtzeitig absteigen konnte oder in schlechtes Wetter geraten ist, der schätzt danach ganz automatisch ein warmes Bett. Ich war öfter im Oman in der Wüste klettern, und wenn die Sonne mit 40°C brennt und man irgendwann kein Wasser mehr hat, dann lernt man sehr viel Demut. Wenn man dann zurückkommt und wieder zuhause ist, weiß man ein Glas Wasser sehr zu schätzen. Das Bergsteigen lehrt uns, die Dinge, die wir in unserer Wohlstandsgesellschaft haben, mehr wertzuschätzen. Vielleicht auch das Durchhaltevermögen und die Entschlossenheit, die es einem ermöglichen, nicht sofort aufzugeben, sondern dranzubleiben. Und zum Thema Mut möchte ich sagen: Ohne Angst kein Mut. Denn wer keine Ängste kennt, muss auch nicht mutig sein. Das heißt: Mutig sind diejenigen, die auch Ängste kennen.

Marcel:
Simon, ich danke dir für deine Zeit und deine Bereitschaft, so offen über deinen Weg zu sprechen und damit uns zu helfen und zu inspirieren. Das Gespräch hat großen Spaß gemacht und für deine bevorstehende Expedition nach Pakistan wünsche ich dir alles Gute.

Wenn du mehr über Simon wissen möchtest