Wir Menschen sind soziale Wesen und brauchen Gemeinschaft, um glücklich zu sein. Daher nehmen wir Einsamkeit als eines der größten Probleme unserer Zeit mit zunehmendem Ausmaß und wachsenden Folgen wahr. Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, bei dem die eigenen sozialen Beziehungen nicht den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen. Alleinsein ist ein Zustand. Einsamkeit ist ein Gefühl. Laut einer Studie der American Psychiatric Association fühlen sich 30 Prozent der 18- bis 34-jährigen Amerikaner mehrmals pro Woche einsam. Die American Psychiatric Association sieht Gründe mitunter in zunehmender Unberechenbarkeit im Berufsleben, da harte Arbeit keine Garantie mehr für Sicherheit oder eine Gemeinschaft am Arbeitsplatz ist. Zudem ermüde der unentwegte Konsumzwang die Gesellschaft.
Einsamkeitsbarometer
Familienministerin Lisa Paus stellte am heutigen 30. Mai 2024 den Einsamkeitsbericht der Bundesregierung vor. Dieser Einsamkeitsbarometer ist der erste einer Art und ist Teil der „Einsamkeitsstrategie“ der Bundesregierung und die erste Langzeitauswertung zu diesem Thema. Untersucht wurde unter anderem das Einsamkeitsgefühl von Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Wohnorts in Ost- oder Westdeutschland. „Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Während der Pandemie hat dieses Gefühl stark zugenommen“, sagte Lisa Paus.
Gemäß der Forschungsergebnisse des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) fühlt sich jeder dritte Mensch zwischen 18 und 53 Jahren in Deutschland zumindest zeitweise einsam. Doch Einsamkeit zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Die Einsamkeitsbelastungen im Jahr 2021 betrugen bei den 18- bis 29-Jährigen 14,1 Prozent, bei den 30- bis 50-Jährigen 12,3 Prozent, bei den 51- bis 75-Jährigen 9,8 Prozent und bei den Menschen ab 75 Jahren 10,2 Prozent.
Einsamkeit sei „die vielleicht die größte Volkskrankheit in Deutschland“, sagt Patientenschützer Eugen Brysch. Einsamkeit hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit, darunter z.B. höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen.
“Soziale Beziehungen sind für unser Überleben und Gedeihen ebenso wichtig wie das Bedürfnis nach Nahrung, Sicherheit und Unterkunft. Doch während die Gesellschaft in den letzten fünfzig Jahren immer wohlhabender und individualistischer geworden ist, haben sich unsere sozialen Bindungen aufgelöst. Wir engagieren uns weniger ehrenamtlich. Wir bewirten weniger Gäste in unseren Häusern. Wir heiraten weniger. Wir bekommen weniger Kinder. Und wir haben immer weniger enge Freunde, mit denen wir intime Details aus unserem Leben teilen. Wir verleugnen zunehmend unsere soziale Natur und zahlen einen hohen Preis dafür. Im gleichen Zeitraum, in dem die soziale Isolation zugenommen hat, ist unser Glücksniveau gesunken, während sich die Selbstmord- und Depressionsraten vervielfacht haben”, schreibt The Atlantic.
Social Media und Einsamkeit
Ein trügerischer und gefährlicher Verstärker ist dabei die Digitalisierung. Laut aktuellen Untersuchungen verbringen Teenager täglich durchschnittlich 3,5 Stunden mit sozialen Medien, wobei ein signifikanter Anstieg der Nutzung von Plattformen wie TikTok, YouTube, Snapchat und Instagram verzeichnet wird. Rund 46 Prozent der Teenager geben an, das Internet „fast ständig“ zu nutzen, was im Vergleich zu den 24 Prozent im Jahr 2014-2015 eine Verdoppelung darstellt. Es gibt zunehmende Hinweise darauf, dass übermäßiger Konsum von sozialen Medien mit einem höheren Risiko für Depressionen und andere psychische Gesundheitsprobleme verbunden ist. Eine Studie der American Psychological Association weist auf den Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und negativen Auswirkungen auf die geistige Gesundheit hin. Dies schließt auch den Einfluss auf das Schlafverhalten, die Realitätserfahrung und das Sozialverhalten ein, was zu Isolation und Einsamkeit führen kann. Besonders Jugendliche, die zu häufigen Vergleichen neigen und selektive Nachrichten konsumieren, sind hiervon betroffen, aber leider zunehmend auch erwachsene Menschen.
Darüber hinaus zeigen aktuelle Daten, dass Menschen heutzutage durchschnittlich 11 Stunden und 18 Minuten pro Tag mit dem Konsum verschiedener Medien verbringen. Diese Zahl umfasst alle Arten von Medien, einschließlich Fernsehen, Radio und digitale Plattformen, und reflektiert einen erheblichen Teil des täglichen Lebens, der der Mediennutzung gewidmet ist. Facebook, Instagram und Co. gaukeln uns Freundschaft, Verbundenheit und Bedeutsamkeit vor, in Wahrheit isoliert uns das zu starke Ein- und Abtauchen in diese digitale Welt zunehmend. „Ein Ziel der Lebenskunst ist es, das eigene Leben so zu führen, dass man bei sich bleibt, sich nicht verliert, zumindest nicht dauerhaft, sondern immer wieder zu sich findet; dass man Alleinsein sucht und Einsamkeit meidet“, so der Psychoanalytiker Rolf Haubl. Der Philosoph Odo Marquard schreibt dazu: „Was uns modern plagt, quält und malträtiert ist nicht nur die Einsamkeit, sondern vor allem der Verlust der Einsamkeitsfähigkeit.“
Forschung
Robert Waldinger, Psychiater und Professor an der Harvard Medical School, schrieb: „Uns hat überrascht, dass unsere Beziehungen und wie glücklich wir darin sind, einen starken Einfluss auf unsere Gesundheit haben… Einsamkeit ist tödlich, und zwar genauso wie Rauchen oder Alkoholismus…“ Andere Studien belegen ebenfalls, dass sich in einer Gemeinschaft aufgehoben zu fühlen oder einen Ehepartner zu haben, der seine Liebe auch zeigt, das Risiko, Herzprobleme zu bekommen, erheblich senkt. Einsamkeit entscheidet folglich nicht nur über emotionale Gesundheit, sondern auch wesentlich über unsere körperliche. Forschungen über die weltweit gesündesten Nationen und deren Ess- und Lebensgewohnheiten haben bestätigt, dass vor allem diejenigen gesund sind, die in Gemeinschaft essen und leben. Chronische Einsamkeit bringt unser Hormon- und Nervensystem aus der Balance. Wir Menschen sind hoch soziale Wesen, und dadurch bindungsorientiert. Einsamkeit und Isolation sind evolutionär höchst gefährlich und führen zu unterbewussten Stresssignalen und der permanenten Suche nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Gemeinschaft.
Die moderne Hirnforschung zeigt, dass das Gefühl der Einsamkeit die gleichen Teile des Gehirns aktiviert wie Hunger oder körperlicher Schmerz. Einsamkeit erzeugt zudem Stress.
Einsamkeit überwinden
Das Gefühl der Einsamkeit äußert sich oft darin, sich anders zu fühlen, nicht zugehörig, nicht gut genug, unerwünscht, störend, austauschbar, fremd, unwichtig, ignoriert oder vergessen. Negative Selbstbilder verstärken dieses Gefühl oft, da es schwierig ist, sich mit anderen zu verbinden, wenn man sich selbst nicht als wertvoll oder liebenswert betrachtet.
Tipps gegen Einsamkeit
1. Pflege von sozialen Kontakten: Regelmäßige Treffen mit Familie und Freunden sind ein wichtiger Baustein, um das Gefühl der Einsamkeit zu reduzieren. Plane gemeinsame Aktivitäten, unterhalte dich mit deinen Lieben und pflege deine Beziehungen. Warte nicht, bis du angerufen wirst, sondern ergreife selbst die Initiative. Wenn ein persönliches Treffen nicht möglich ist, nutze Telefon und Videocalls. Solltest du im Home Office arbeiten: Auch eine Reduzierung des Home Office-Anteils kann einen positiven Einfluss auf dein Wohlbefinden und deine sozialen Kontakte haben.
2. Engagement in der Gemeinschaft: Ehrenamtliche Arbeit oder die Mitgliedschaft in Vereinen und Gruppen kann neue soziale Kontakte bringen und das Gefühl der Zugehörigkeit stärken. So lernst du Gleichgesinnte kennen, kannst dich für eine Sache einsetzen und gleichzeitig etwas Sinnvolles tun.
3. Nutzung von Technologie sinnvoll einsetzen: Soziale Medien und digitale Kommunikationsmittel können dir helfen, mit anderen in Kontakt zu bleiben und neue Menschen kennenzulernen. Nutze diese Möglichkeiten jedoch bewusst und maßvoll, um dich nicht in der virtuellen Welt zu verlieren.
4. Neue Hobbys und Interessen entdecken: Sich neuen Aktivitäten zuzuwenden kann helfen, Gleichgesinnte zu treffen und das Selbstwertgefühl zu stärken. Probiere neue Sportarten, besuche Kurse, nimm an Workshops teil, engagiere dich in einem Verein oder erlerne ein neues Hobby.
5. Achtsamkeit und Selbstfürsorge praktizieren: Techniken wie Meditation und Achtsamkeit können helfen, im Moment zu bleiben, negative Gedanken zu reduzieren und den Fokus auf das Positive zu lenken. Auch körperliche Aktivitäten wie Sport können das Wohlbefinden steigern und Stress abbauen.
6. Offenheit für neue Erfahrungen und Begegnungen: Oft ergeben sich aus spontanen Gesprächen interessante und wertvolle Beziehungen. Sei offen für neue Begegnungen und scheue dich nicht, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die du noch nicht kennst. Suche neue Ort auf, probiere neue Dinge und sammle neue Erfahrungen.
7. Haustiere: Tiere können eine hervorragende Unterstützung gegen Einsamkeit sein. Die Anwesenheit eines Tieres bietet nicht nur Gesellschaft, sondern auch eine Routine und Verantwortung, die helfen können, den Alltag zu strukturieren. Studien zeigen, dass der Umgang mit Haustieren Stress reduziert, das Wohlbefinden steigert und ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Hunde zum Beispiel fördern die Bewegung und bieten Möglichkeiten für soziale Interaktionen, etwa beim Spazierengehen.
8. Professionelle Unterstützung suchen: Wenn die Einsamkeit zu stark wird und du mit deinen eigenen Bemühungen nicht weiterkommst, kann es hilfreich sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Therapeuten und Beratungsstellen können dir dabei unterstützen, neue Wege zu finden, um mit Einsamkeit umzugehen und deine Lebensqualität zu verbessern. Wenn die Einsamkeit zu groß und aktut ist, können auch Hotlines helfen – beispielsweise:
TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 (kostenlos, anonym, rund um die Uhr)
Silbernetz: 0800 4 70 80 90 (kostenlos, anonym, täglich von 8 bis 22 Uhr)
Kinder- und Jugendtelefon: 116 111 (kostenlos, anonym, rund um die Uhr)
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