Compassion Prison Project

Compassion Prison Project - Compassion Trauma Circle

Was „Step Inside the Circle“ über Trauma, Verantwortung und Resozialisierung zeigt

235 inhaftierte Männer stehen in einem Kreis in einem Hochsicherheitsgefängnis im kalifornischen Lancaster. Eine Stimme nennt Erfahrungen aus der Kindheit: körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung, suchtkranke Eltern, ein Familienmitglied im Gefängnis. Wer eine dieser Erfahrungen gemacht hat, tritt einen Schritt nach vorn.

Schon nach wenigen Fragen steht kaum noch jemand am äußeren Rand. Die Szene stammt aus dem Kurzfilm „Step Inside the Circle“ des Compassion Prison Project. Sie verändert den Blick auf die Männer im Gefängnis. Nicht weil sie deren Taten entschuldigt, sondern weil sie eine Frage sichtbar macht, die im Strafvollzug häufig zu spät gestellt wird:

Was ist einem Menschen widerfahren, bevor er anderen etwas angetan hat?

Das Compassion Prison Project

Das Compassion Prison Project wurde 2019 von der Produzentin und Traumapädagogin Fritzi Horstman gegründet. Die Organisation arbeitet mit inhaftierten Menschen und vermittelt Wissen über Kindheitstraumata, Stressregulation und die langfristigen Folgen belastender Erfahrungen.

Am 12. Februar 2020 filmte ein 23-köpfiges Team im California State Prison in Lancaster den Compassion Trauma Circle. Zu den Beteiligten gehörte der Oscar-nominierte Kameramann Rodrigo Prieto. 235 inhaftierte Männer nahmen an dem Kreis teil.

Das daraus entstandene Video „Step Inside the Circle“ wurde weit über den Strafvollzug hinaus bekannt. Seine Wirkung entsteht nicht durch Statistiken oder Erklärungen. Sie entsteht in dem Moment, in dem die Männer erkennen, wie viele ihrer Erfahrungen sie miteinander teilen.

Scham ist isolierend. Das Sichtbarwerden gemeinsamer Erfahrungen kann diese Isolation durchbrechen.

Was sind Adverse Childhood Experiences?

Der Compassion Trauma Circle orientiert sich an den sogenannten Adverse Childhood Experiences, kurz ACEs. Der Begriff beschreibt potenziell traumatische Erfahrungen in Kindheit und Jugend.

Dazu gehören:

  • körperliche, emotionale oder sexuelle Gewalt
  • körperliche oder emotionale Vernachlässigung
  • Gewalt zwischen Erwachsenen im eigenen Zuhause
  • psychische Erkrankungen oder Suchterkrankungen in der Familie
  • Trennung oder Scheidung der Eltern
  • die Inhaftierung eines Familienmitglieds
  • der Verlust von Sicherheit, Stabilität und verlässlicher Bindung

Die ursprüngliche ACE-Forschung geht auf den Mediziner Vincent Felitti und den Epidemiologen Robert Anda zurück. Sie untersuchten, wie belastende Kindheitserfahrungen mit Gesundheit und Verhalten im Erwachsenenalter zusammenhängen.

Die Ergebnisse begründeten keinen einfachen Ursache-Wirkungs-Mechanismus. Sie zeigten jedoch deutlich: Mit der Zahl belastender Kindheitserfahrungen steigen statistisch verschiedene gesundheitliche und psychosoziale Risiken.

Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC weist darauf hin, dass anhaltender toxischer Stress die Entwicklung des Gehirns, das Immunsystem und die Stressreaktion beeinflussen kann. Auch Aufmerksamkeit, Lernen, Entscheidungsverhalten und die Fähigkeit, stabile Beziehungen aufzubauen, können betroffen sein.

Eine belastete Kindheit bestimmt nicht zwangsläufig das spätere Leben. Sie verändert aber häufig die Bedingungen, unter denen ein Mensch lernt, Gefühle zu regulieren, anderen zu vertrauen und auf Bedrohungen zu reagieren.

Wenn Schutzmechanismen zu Problemen werden

Ein Kind kann eine gefährliche oder unberechenbare Umgebung nicht verlassen. Es muss sich an sie anpassen. Wachsamkeit kann dabei helfen, eine drohende Eskalation früh zu erkennen. Emotionale Distanz kann vor überwältigendem Schmerz schützen. Aggression kann verhindern, erneut zum Opfer zu werden. Kontrolle kann Sicherheit herstellen, wenn das Umfeld chaotisch ist.

Diese Reaktionen sind zunächst keine Charakterschwächen. Sie können sinnvolle Überlebensstrategien sein. Das Problem entsteht später. Was ein Kind geschützt hat, kann einem Erwachsenen im Weg stehen. Dauerhafte Wachsamkeit erschwert Vertrauen. Unterdrückte Gefühle können Nähe verhindern. Angriff wird zur vorschnellen Antwort auf vermeintliche Bedrohung. Alkohol oder Drogen können kurzfristig beruhigen und langfristig das Leben zerstören.

Das erklärt nicht jede Straftat und trifft nicht auf jeden traumatisierten Menschen zu. Die große Mehrheit der Menschen mit belastenden Kindheitserfahrungen wird nicht kriminell. Trauma ist weder Schicksal noch Freispruch. Es ist ein Risikofaktor, kein Urteil.

Verstehen ist nicht Entschuldigen

Sobald über Trauma und Straftaten gesprochen wird, entsteht ein berechtigter Einwand: Wird hier Verantwortung relativiert?

Die klare Antwort lautet: Nein.

Eine Erklärung ist keine Entschuldigung. Wer anderen Schaden zufügt, bleibt für sein Handeln verantwortlich. Die Anerkennung eigener Verletzungen hebt die Verletzungen anderer nicht auf.

Doch Verantwortung setzt mehr voraus als Bestrafung. Ein Mensch muss erkennen können, was sein Verhalten auslöst, welche Muster er wiederholt und an welchem Punkt eine andere Entscheidung möglich wird. Wer ausschließlich hört „Du bist schlecht“, verteidigt sich oder gibt auf. Wer versteht „Dieses Verhalten hatte eine Geschichte, aber du bist ihm nicht für immer ausgeliefert“, kann beginnen, Verantwortung zu übernehmen.

Mitgefühl bedeutet deshalb nicht, eine Tat kleinzureden. Es bedeutet, den Menschen nicht vollständig mit seiner schlimmsten Handlung gleichzusetzen. Gerade darin liegt die Stärke des Compassion Prison Project.

Der Moment im Kreis

Im Trauma Circle treten die Männer nicht nach vorn, um ihre Taten zu erklären. Sie treten nach vorn, weil sie etwas aussprechen, das viele von ihnen jahrelang verborgen haben. Sie sehen, dass sie nicht die Einzigen sind.

Diese Erfahrung kann Scham reduzieren. Sie kann Sprache für Erlebnisse schaffen, die bisher nur als Angst, Wut, Erstarrung oder Kontrollverlust spürbar waren. Und sie kann einen Zusammenhang zwischen Vergangenheit und gegenwärtigem Verhalten erkennbar machen.

Ein solcher Moment ist noch keine Therapie und garantiert keine Veränderung. Er kann aber einen Ausgangspunkt schaffen: für Selbstbeobachtung, die Regulation von Emotionen, die Auseinandersetzung mit Schuld und die Entscheidung, vertraute Muster nicht weiterzugeben.

Trauma und Rückfallrisiko

Die Forschung zeigt einen Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und späteren psychischen, gesundheitlichen und sozialen Problemen. Untersuchungen mit Jugendlichen im Justizsystem weisen außerdem darauf hin, dass eine hohe Belastung durch ACEs mit einem erhöhten Rückfallrisiko verbunden sein kann.

Auch hier gilt: Ein statistischer Zusammenhang erklärt kein individuelles Schicksal. Rückfälle werden von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören psychische Erkrankungen, Sucht, soziale Bindungen, Bildung, Wohnsituation, finanzielle Sicherheit und die Unterstützung nach der Entlassung.

Traumasensible Arbeit ist deshalb kein Ersatz für Verantwortung, Bildung, Therapie oder eine verlässliche Wiedereingliederung. Sie kann ein Bestandteil davon sein.

Wer Rückfälle verhindern will, muss mehr tun, als Regeln durchzusetzen. Er muss Menschen dabei unterstützen, jene inneren Abläufe zu erkennen und zu verändern, die problematischem Verhalten vorausgehen.

Was echte Resozialisierung braucht

Ein Gefängnis kann einen Menschen von der Gesellschaft trennen. Es kann ihn aber nicht automatisch auf ein anderes Leben vorbereiten.

Resozialisierung braucht die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, Impulse zu regulieren, Beziehungen aufzubauen und Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns zu übernehmen. Sie braucht außerdem konkrete Perspektiven: Arbeit, Wohnung, soziale Unterstützung und Zugang zu professioneller Hilfe.

Mitgefühl allein genügt nicht. Strafe allein ebenfalls nicht. Das Compassion Prison Project macht sichtbar, dass Veränderung dort beginnen kann, wo zwei Wahrheiten gleichzeitig Platz haben: 

Menschen können für ihre Taten verantwortlich sein.

Und sie können selbst Erfahrungen gemacht haben, die bis heute in ihnen weiterwirken.

Wer nur die Tat sieht, übersieht einen Teil des Menschen. Wer nur das Trauma sieht, übersieht die Verantwortung. Erst der Blick auf beides eröffnet die Möglichkeit wirklicher Veränderung.

Die entscheidende Frage

„Step Inside the Circle“ hinterlässt keine bequeme Botschaft. Der Film fordert nicht dazu auf, Grenzen aufzugeben oder Konsequenzen abzuschaffen. Er fordert dazu auf, genauer hinzusehen. Hinter destruktivem Verhalten kann eine Geschichte stehen. Diese Geschichte erklärt nicht alles. Aber solange sie unerkannt bleibt, wirkt sie häufig weiter. Die Vergangenheit lässt sich nicht ungeschehen machen. Doch ein Mensch kann lernen, sie nicht ständig zu wiederholen. Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort: nicht bei der Verurteilung des eigenen Wesens, sondern beim ehrlichen Verstehen des eigenen Handelns.

Quellen und weiterführende Informationen

Compassion Prison Project: The Documentaries

Astridge et al.: Adverse Childhood Experiences bei Jugendlichen im Justizsystem und Rückfallrisiko

Yohros: Adverse Childhood Experiences and Juvenile Recidivism

 

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