Der Weg zu einem angstfreien Leben
Die Angst-Epidemie: Zahlen, die nachdenklich machen
Mehr als 14 Millionen Menschen leben im deutschsprachigen Raum mit einer diagnostizierten Angsterkrankung. „Jedes zehnte Kind leidet an einer Angststörung. Bleibt sie unbehandelt, entwickeln sich daraus oft weitere psychische Erkrankungen“, sagt die Psychologin Irina Kammerer.
Angststörungen sind noch vor Depressionen die häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Selbst Antidepressiva wirken bei Depressionen und Ängsten nach neuesten Meta-Studien nur in ca. 14 Prozent aller Fälle. Das zeigt: Wir brauchen andere Wege, um mit Ängsten umzugehen.
Was ist Angst wirklich? Die biologische Wahrheit
Angst ist ein intensives Empfinden von Nervosität, Sorge oder Unsicherheit, das ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Erlebens ist. Unter normalen Umständen ist Angst wichtig, um uns zu schützen und unser Überleben zu gewährleisten.
Die Angst-Zentrale in deinem Gehirn
Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems und für das Erleben von Stress und Angst zuständig sowie für die emotionale Bewertung und Analyse von Gefahren. Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde bewertet die Amygdala die Situation auf die Frage hin, ob Gefahr besteht oder nicht.
Dabei gibt es eine archetypische und angeborene Angstreaktion, die als „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ (fight-or-flight response) bezeichnet wird:
- Kämpfen
- Fliehen
- Erstarren
Wenn das Gehirn Alarm schlägt – ohne Grund
Manchmal kann unser Körper in einem Zustand der Angst gefangen sein, obwohl wir uns tatsächlich in Sicherheit befinden. Dies geschieht, weil unser Gehirn glaubt, dass wir in Gefahr sind, obwohl dies nicht der Fall ist.
Im Gehirn eines erwachsenen Menschen befinden sich etwa 86 Milliarden Nervenzellen, die untereinander mit ca. 100 Billionen Synapsen verbunden sind. Die Art und Weise, wie wir regelmäßig denken, sorgt für die entsprechende Vernetzung unseres Gehirns. Irgendwann werden aus ersten Gewohnheiten feste Reiz-Reaktionsmuster, die zu einer Angststörung führen können.
Die verschiedenen Gesichter der Angst
Angeborene Ängste: Das evolutionäre Erbe
Es gibt bestimmte universelle Ängste, die als angeboren gelten und evolutionär bedingt sind:
- Höhenangst: Schützt vor gefährlichen Stürzen
- Dunkelheitsangst (Nyktophobie): Warnt vor unsichtbaren Gefahren
- Angst vor lauten Geräuschen: Signalisiert potenzielle Bedrohungen
- Trennungsangst: Sichert bei Kindern die Nähe zu Bezugspersonen
- Angst vor Spinnen und Schlangen: Evolutionärer Schutzmechanismus
Erlernte Ängste: Die Macht der Erfahrung
Der Großteil unserer Ängste ist jedoch erlernt und hängt mit einschneidenden Erlebnissen zusammen. Viele unserer Ängste sind in unserer Kindheit entstanden. Situationen, die uns heute Angst machen, werden meist durch die Brille unserer Vergangenheit betrachtet.
Ängste gibt es viele:
- Angst zu versagen
- Angst nicht gut genug zu sein
- Angst nicht geliebt zu werden
- Angst ausgeschlossen zu werden
Der Unterschied zwischen Angst, Furcht und Phobie
Angst vs. Furcht
Furcht wird durch eine klar identifizierbare Bedrohung ausgelöst – eine starke emotionale Reaktion auf eine tatsächliche Gefahr (Raubtier, Überfall).
Angst hingegen ist das anhaltende Gefühl einer diffusen Gefahr – ein unangenehmes Gefühl der Anspannung, wenn wir an eine Bedrohung denken, die auf uns zukommen könnte.
Vereinfacht: Angst entsteht in unserem Inneren, während Furcht plötzlich und durch einen äußeren Reiz ausgelöst wird.
Angst vs. Phobie
Angst ist eine normale menschliche Reaktion auf eine Bedrohung – ein Warnsignal des Körpers, das uns schützt.
Eine Phobie ist eine übersteigerte, irrationale Angst vor einem bestimmten Objekt, einer Situation oder einem Ort. Die Angst ist unbegründet oder unangemessen hoch. Die betroffene Person kann in Panik geraten, selbst wenn keine tatsächliche Bedrohung existiert.
Wann wird Angst krankhaft?
Wenn jemand aufgrund von Angst eine bestimmte Situation immer wieder vermeidet und dieses Verhalten negative Auswirkungen auf sein Leben hat, dann gilt diese Angst als krankhaft. Der Grund: Der Betroffene hat die Angst nicht unter Kontrolle – die Angst beherrscht ihn.
Die Angst-Kette verstehen: Vom Reiz zur Reaktion
Angstreaktionen bestehen aus vielen einzelnen Elementen, die so schnell aufeinander abfolgen, dass wir glauben, es mit einer einzigen Reaktion zu tun zu haben:
Die Kette der Ereignisse:
- Ereignis (äußerer Reiz)
- Interpretation (Bewertung der Situation)
- Emotion (Gefühlsreaktion)
- Verhalten (Handlung oder Vermeidung)
Beispiel aus dem Alltag:
- Äußerer Reiz: Jemand kritisiert dich
- Interpretation: „Nie mache ich etwas richtig“
- Emotion: Scham, Wut, Angst
- Verhalten: Rückzug oder Aggression
Genau an der Stelle der Interpretation haben wir die Möglichkeit, unsere automatischen Reiz-Reaktionsmuster zu durchbrechen und durch neue Denkmuster zu ersetzen.
Die drei Nährböden der Angst
Angstpatienten haben häufig diese drei Eigenschaften:
- Negatives Denken – Der Fokus liegt auf dem, was schiefgehen könnte
- Ja-aber-Mentalität – Jede Lösung wird sofort mit Einwänden blockiert
- Hohe Empathie – Übermäßige Empfindsamkeit für die Umgebung
Die drei Hauptursachen übersteigerter Angst
Marie Curie sagte: „Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen.“ Drei Faktoren können ein gesundes Angstempfinden problematisch werden lassen:
1. Missachtete Warnsignale
- Grundlose Traurigkeit
- Antriebsschwäche
- Konzentrationsschwäche
- Magenprobleme
- Zucken, Ticks
- Häufiger Harndrang
Psychosomatische Beschwerden sind Warnsignale unseres Unterbewusstseins.
2. Substanzen und Mangel
- Medikamente, Alkohol, Drogen
- Vitamin- oder Nährstoffmangel (z.B. B12)
- Schilddrüsenprobleme
- Glutenunverträglichkeit
- Histaminintoleranz
3. Chronisch negatives Denken
Zweckpessimisten haben nachweislich ein schlechteres Immunsystem. Negative Gedankenmuster verstärken die Anfälligkeit für Ängste.
Die drei Lebensfelder der Angst
Tief sitzende Ängste sind häufig auf Probleme in einem dieser Bereiche zurückzuführen:
- Beziehung
- Beruf
- Persönliches Umfeld
Der Buddha-Weg: „Angst verhindert nicht den Tod, sondern das Leben“
Diese buddhistische Weisheit trifft den Kern: Angst ist fast immer an die Vorstellung geknüpft, dass sich in der Zukunft etwas Schreckliches ereignen könnte. Sie hält uns in der „Komfortzone“ gefangen, die uns nur das vermeintliche Gefühl von Sicherheit gibt. In Wahrheit ist sie Flucht vor der Angst.
Die Paradoxe Intention: Warum Akzeptanz der Schlüssel ist
Der österreichische Neurologe und Psychiater Viktor Frankl entwickelte die „paradoxe Intention“. Der nächste Schritt zur Überwindung von Ängsten besteht darin, uns zu erlauben, die Emotion „Angst“ zu haben, ohne sie zu:
- Verdrängen
- Negieren
- Relativieren
- Fürchten
- Verteufeln
- Bewerten
Es ist vor allem der Widerstand, der das Gefühl der Angst fortbestehen lässt. Mittels dieser Technik lässt sich der Teufelskreis der Erwartungsangst – der Angst vor der Angst – durchbrechen.
Die 5 Klarheitsfragen zur Angstüberwindung
Verschaffe dir zunächst Klarheit und sei dabei ganz ehrlich zu dir selbst:
- Was schiebst du aus Angst schon lange vor dir her?
- Was ist das absolut Schlimmste, das passieren kann? Stelle dir in allen Details vor, was dann passieren wird. Wie stark ist dieses negative Gefühl auf einer Skala von 1-10?
- Was würdest du benötigen, um einen eventuellen Schaden zu korrigieren?
- Was würde passieren, wenn du das umsetzen würdest, wovor du dich fürchtest? Haben Menschen in deinem Umfeld ähnlich gehandelt?
- Was entgeht dir finanziell, emotional, intellektuell, wenn du es nicht machst?
Die Sekundärgewinn-Falle erkennen
Frage dich ehrlich:
- Wobei hilft mir meine Angst?
- Was würde ich tun, wenn meine Ängste verschwinden?
- Was ist der positive Krankheitsgewinn meiner Angst?
- Bekomme ich durch meine Ängste Liebe, Fürsorge, Schutz, Aufmerksamkeit?
Häufig zeigt uns das Gefühl direkt nach der Angst genau das, was wir am dringendsten benötigen, um die Angst loszulassen.
6 praktische Schritte zur Angstüberwindung
1. Identifiziere deine Ängste
Nimm dir Zeit, über deine Ängste nachzudenken und schreibe sie auf. Was genau hindert dich daran, voranzukommen?
2. Verstehe deine Ängste
Frage dich, ob sie real sind oder irrationale Gedanken. Woher kommen diese Ängste? Negative Erfahrungen oder unbegründete Befürchtungen?
3. Suche Unterstützung
Es ist okay, um Hilfe zu bitten. Freunde, Familie oder ein professioneller Coach können dir helfen, deine Ängste zu verstehen und zu überwinden.
4. Mache kleine Schritte
Beginne mit kleinen Herausforderungen, die du bewältigen kannst. Das gibt dir Kontrolle und hilft dir, dich schrittweise zu verbessern.
5. Verändere deine Perspektive
Betrachte deine Ängste aus einer anderen Sichtweise. Sind sie wirklich so schlimm? Finde positive Aspekte und konzentriere dich darauf.
6. Akzeptiere Ängste als Teil des Lebens
Wir alle haben Ängste – das ist normal. Wenn du lernst, damit umzugehen, wirst du ein erfüllteres Leben führen.
Soforthilfe-Techniken bei Panikattacken
Technik 1: Die Drehrichtungs-Methode
- Denke an die angstauslösende Situation
- Bewerte die Intensität (Skala 1-10)
- Lokalisiere die Angst körperlich
- Erkenne die Bewegungsrichtung des Gefühls
- Nimm das Gefühl gedanklich heraus
- Drehe es um und setze es auf der anderen Körperseite ein
- Spüre die Reduktion oder das Verschwinden der Angst
Technik 2: Die Endpunkt-Visualisierung
- Denke an die angstauslösende Situation
- Bewerte die Intensität (Skala 1-10)
- Verlasse gedanklich die Situation
- Visualisiere das positive Ende – du hast es gemeistert!
- Fühle Stolz und Gelassenheit
- Gehe gedanklich zurück zum Ende der Angstsituation
- Denke an etwas völlig anderes und beende die Übung
Die gute Nachricht: Alles ist veränderbar
Angst ist erwiesenermaßen ein erlerntes Verhalten und daher fast immer auf einen fehlgeleiteten Gehirnautomatismus zurückzuführen. Die gute Nachricht: Alles, was dein Gehirn an ängstlichem Verhalten gelernt hat, kannst du auch wieder neu und gesund erlernen.
Interessant ist, dass Forschungen zufolge nur ca. 8 Prozent der Personen, die ein traumatisches Ereignis durchlebten, auch wirklich ein Trauma entwickelten. Das zeigt: Angst hängt mit unserer Persönlichkeit zusammen und wir können sie selbst steuern und verändern.
„Es geht nicht darum, was dir im Leben passiert, sondern wie du darauf reagierst“, so Epiktet.
Fazit: Handlungen heilen Angst
Die Dinge, vor denen wir uns am meisten fürchten, sind häufig die, die wir am dringendsten tun müssen. Um ein erfülltes und angstfreies Leben führen zu können, musst du als erstes die Angst vor Veränderungen hinter dir lassen.
Ängste können dich zurückhalten und daran hindern, deine Träume zu verwirklichen. Doch mit den richtigen Werkzeugen und der Bereitschaft zur Veränderung kannst du sie überwinden.
Deine Angst ist nicht dein Schicksal – sie ist eine Einladung zu wachsen.
Du möchtest nicht nur verstehen,
sondern wirklich etwas verändern?
Erkenntnisse sind oft der erste Schritt. Wirkliche Veränderung entsteht jedoch dann, wenn aus neuen Perspektiven klare Entscheidungen und konsequentes Handeln werden. Genau dabei begleite ich Menschen im persönlichen Coaching.








