Was dich wirklich antreibt
Zwei Menschen treffen dieselbe Entscheidung und verfolgen damit vollkommen unterschiedliche Ziele. Eine Führungskraft übernimmt Verantwortung, weil sie gestalten möchte. Eine andere sucht Anerkennung. Eine dritte möchte vor allem unabhängig entscheiden können.
Von außen sieht das Verhalten ähnlich aus. Die Motivation dahinter ist verschieden.
Genau an diesem Unterschied setzt das Modell der 16 Lebensmotive an. Der US-amerikanische Psychologe Steven Reiss wollte nicht nur beschreiben, wie Menschen sich verhalten. Er untersuchte, welche grundlegenden Bedürfnisse ihrem Verhalten Richtung geben.
Seine zentrale Annahme: Menschen teilen grundlegende Motive, unterscheiden sich aber erheblich darin, wie stark diese Motive ausgeprägt sind. Diese individuelle Gewichtung beeinflusst, was wir als erfüllend, anstrengend, interessant oder bedeutungslos erleben.
Was ist Motivation?
Motivation bezeichnet jene Prozesse, die Verhalten auslösen, ausrichten und aufrechterhalten. Sie entscheidet mit darüber, welche Ziele du verfolgst, wie viel Energie du investierst und wann du eine Anstrengung beendest.
Häufig wird zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation unterschieden. Intrinsische Motivation entsteht aus der Tätigkeit selbst, etwa aus Interesse oder Freude. Extrinsische Motivation richtet sich auf eine äußere Folge wie Geld, Anerkennung oder die Vermeidung von Nachteilen.
Steven Reiss hielt diese Zweiteilung für unzureichend. Ob eine Handlung von innen oder außen motiviert wirkt, erklärt noch nicht, welches Bedürfnis sie befriedigen soll. Eine Person kann viel arbeiten, weil sie Einfluss gewinnen, finanzielle Sicherheit schaffen, Wissen erwerben oder gesellschaftliche Anerkennung erhalten möchte.
Verhalten ist sichtbar, Motivation nicht
Dasselbe Verhalten kann aus unterschiedlichen Motiven entstehen. Ebenso kann dasselbe Motiv zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen.
Ein starkes Bedürfnis nach Unabhängigkeit kann jemanden in die Selbstständigkeit führen. Eine andere Person erfüllt dasselbe Bedürfnis durch eine spezialisierte Tätigkeit mit viel Entscheidungsfreiheit. Ein ausgeprägtes Familienmotiv kann bedeuten, beruflich kürzerzutreten. Es kann aber auch zu großem beruflichem Einsatz führen, weil die Person ihrer Familie Sicherheit bieten möchte.
Deshalb lässt sich Motivation nicht zuverlässig aus einer einzelnen Handlung ablesen.
Motive sind keine bewussten Ziele
Ein Ziel beschreibt, was du erreichen möchtest. Ein Motiv erklärt, warum dieses Ziel für dich Bedeutung besitzt.
Du kannst das Ziel verfolgen, eine Führungsposition zu übernehmen. Dahinter können Macht, Status, Unabhängigkeit, Anerkennung oder finanzielle Sicherheit stehen. Erst wenn du den Antrieb hinter dem Ziel verstehst, kannst du beurteilen, ob das Erreichen des Ziels tatsächlich zu dir passt.
Wie Steven Reiss die 16 Lebensmotive entwickelte
Steven Reiss und seine Kolleg untersuchten eine große Zahl selbstberichteter Wünsche und Ziele. Mithilfe statistischer Verfahren versuchten sie, voneinander unterscheidbare Motivdimensionen zu identifizieren. Aus dieser Arbeit entstand zunächst das Reiss Profile of Fundamental Goals and Motivational Sensitivities und später das Reiss Motivation Profile®.
Reiss formulierte daraus seine Theorie der 16 grundlegenden Bedürfnisse. In einer Veröffentlichung von 2004 beschrieb er diese Motive als weitgehend voneinander unabhängig. Ein Mensch kann deshalb bei einem Motiv eine starke und bei einem anderen eine geringe Ausprägung besitzen.
Was das Modell leisten kann
Das Modell bietet eine strukturierte Sprache für individuelle Unterschiede. Es kann dabei helfen, Entscheidungen, Konflikte und wiederkehrende Stressmuster genauer zu verstehen.
Es geht nicht darum, Menschen in 16 Typen einzuteilen. Jede Person besitzt alle Motive in einer individuellen Kombination. Gerade dieses Gesamtbild ist entscheidend.
Was das Modell nicht leisten kann
Die 16 Lebensmotive sind ein psychologisches Motivationsmodell, keine klinische Diagnose. Eine Analyse beschreibt Tendenzen und Selbstberichte. Sie liefert keine endgültige Wahrheit über eine Person und sollte nicht dazu verwendet werden, Verhalten starr vorherzusagen.
Auch Aussagen, Motive seien vollständig genetisch festgelegt oder nach einem bestimmten Lebensalter unveränderbar, gehen über das hinaus, was sich aus der Forschung sicher ableiten lässt. Motive können relativ stabil sein. Wie sie erlebt, bewertet und ausgelebt werden, hängt dennoch von Erfahrungen, Lebensphasen und dem sozialen Umfeld ab.
Kein Motiv ist besser als ein anderes
Eine hohe Ausprägung ist nicht automatisch eine Stärke und eine niedrige Ausprägung kein Defizit. Beide Pole besitzen Möglichkeiten und Risiken.
Ein starkes Ordnungsmotiv kann Verlässlichkeit und Planung fördern, aber spontane Veränderungen erschweren. Ein geringes Ordnungsmotiv kann Flexibilität ermöglichen, aber zu fehlender Struktur führen. Entscheidend ist nicht, welcher Pol gesellschaftlich besser klingt, sondern wie gut er zur Aufgabe und zum Umfeld passt.
Die 16 Lebensmotive im Überblick
1. Macht
Macht beschreibt das Bedürfnis nach Einfluss, Leistung, Führung und Wirksamkeit. Bei einer hohen Ausprägung möchtest du gestalten, Verantwortung übernehmen und Ergebnisse beeinflussen. Du fühlst dich häufig dort wohl, wo Entscheidungen getroffen und ambitionierte Ziele verfolgt werden.
Bei einer niedrigen Ausprägung besteht weniger Interesse daran, andere zu führen oder die Richtung vorzugeben. Zusammenarbeit, Unterstützung und eine klar definierte Rolle können wichtiger sein als persönlicher Einfluss.
Mögliche Spannung
Ein starkes Machtmotiv kann in einem Umfeld mit wenig Gestaltungsspielraum Frustration auslösen. Eine geringe Ausprägung kann belastend werden, wenn eine Rolle permanente Konkurrenz und dominante Selbstpositionierung verlangt.
2. Unabhängigkeit
Unabhängigkeit bezeichnet das Bedürfnis nach Autonomie, Selbstbestimmung und persönlicher Freiheit. Eine hohe Ausprägung zeigt sich häufig im Wunsch, Entscheidungen selbst zu treffen und nicht von anderen abhängig zu sein.
Bei einer niedrigen Ausprägung stehen Verbundenheit, gegenseitige Unterstützung und gemeinschaftliche Entscheidungen stärker im Vordergrund.
Mögliche Spannung
Menschen mit hohem Unabhängigkeitsmotiv erleben enge Abstimmung schnell als Kontrolle. Menschen mit niedriger Ausprägung können eine stark individualistische Umgebung als kalt oder isolierend empfinden.
3. Neugier
Neugier beschreibt das Bedürfnis nach Wissen, Verständnis und intellektueller Auseinandersetzung. Eine hohe Ausprägung führt häufig zu Freude an komplexen Fragen, theoretischen Zusammenhängen und kontinuierlichem Lernen.
Bei einer niedrigen Ausprägung zählt stärker der praktische Nutzen. Wissen soll anwendbar sein und zu einem konkreten Ergebnis führen.
Mögliche Spannung
Eine neugierige Person kann sich in rein ausführenden Aufgaben schnell langweilen. Eine praktisch orientierte Person kann lange theoretische Diskussionen als unnötig erleben.
4. Anerkennung
Anerkennung bezeichnet das Bedürfnis nach Akzeptanz, Bestätigung und positivem Feedback. Bei einer hohen Ausprägung wird die Reaktion anderer intensiv wahrgenommen. Kritik kann länger beschäftigen, während Lob Sicherheit und Motivation vermittelt.
Bei einer niedrigen Ausprägung besteht häufig mehr Unabhängigkeit von äußerer Bewertung. Kritik wird leichter als sachliche Information behandelt.
Mögliche Spannung
Ein starkes Anerkennungsmotiv kann zu großer sozialer Sensibilität führen, aber auch dazu, Konflikte und Risiken zu vermeiden. Eine niedrige Ausprägung kann Selbstsicherheit fördern, zugleich jedoch die Sensibilität für das Anerkennungsbedürfnis anderer Menschen verringern.
5. Ordnung
Ordnung beschreibt das Bedürfnis nach Struktur, Klarheit und Vorhersehbarkeit. Eine hohe Ausprägung begünstigt Planung, Routinen und klar definierte Prozesse.
Bei einer niedrigen Ausprägung sind Flexibilität, Spontaneität und Offenheit wichtiger. Pläne dürfen sich verändern, wenn eine Situation eine bessere Möglichkeit bietet.
Mögliche Spannung
Menschen mit unterschiedlichen Ordnungsmotiven halten einander schnell für kontrollierend beziehungsweise chaotisch. Tatsächlich unterscheiden sie sich vor allem darin, wie viel Struktur sie für gutes Arbeiten benötigen.
6. Sparen und Sammeln
Dieses Motiv betrifft den Wunsch, Dinge zu bewahren, Ressourcen anzusammeln und Besitz zu erhalten. Bei hoher Ausprägung können Vorrat, finanzielle Reserven und ein sorgfältiger Umgang mit Gegenständen wichtig sein.
Bei niedriger Ausprägung fällt Loslassen leichter. Besitz kann als Belastung empfunden werden, und Ressourcen werden bereitwilliger ausgegeben oder weitergegeben.
Mögliche Spannung
Im Alltag zeigt sich dieses Motiv nicht nur beim Geld. Es kann auch Informationen, Erinnerungsstücke, Materialien oder digitale Daten betreffen.
7. Ehre
Ehre beschreibt das Bedürfnis, sich an Prinzipien, Loyalität und moralischen Standards zu orientieren. Menschen mit hoher Ausprägung möchten ihren Werten treu bleiben und Verpflichtungen zuverlässig erfüllen.
Bei niedriger Ausprägung werden Regeln stärker nach Situation und Zweck beurteilt. Entscheidungen orientieren sich weniger an Traditionen und mehr an den erwarteten Folgen.
Mögliche Spannung
Eine hohe Ausprägung kann Integrität und Verlässlichkeit fördern, aber Kompromisse erschweren. Eine niedrige Ausprägung ermöglicht pragmatische Lösungen, kann von anderen jedoch als mangelnde Prinzipientreue wahrgenommen werden.
8. Idealismus
Idealismus bezeichnet das Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung. Bei hoher Ausprägung besteht ein starkes Interesse daran, Benachteiligung zu reduzieren und zu einer gerechteren Welt beizutragen.
Bei niedriger Ausprägung richtet sich Verantwortung stärker auf das unmittelbare Umfeld, die eigene Familie oder konkrete Beziehungen. Abstrakte gesellschaftliche Ziele besitzen weniger Bedeutung.
Mögliche Spannung
Idealistisch motivierte Menschen können pragmatische Entscheidungen als unsolidarisch empfinden. Sozial realistisch orientierte Menschen erleben moralische Forderungen dagegen schnell als lebensfern.
9. Beziehungen
Dieses Motiv beschreibt das Bedürfnis nach sozialen Kontakten, Freundschaft, Austausch und Geselligkeit. Bei hoher Ausprägung geben Gespräche, Gruppen und gemeinsame Aktivitäten Energie.
Bei niedriger Ausprägung sind soziale Kontakte keineswegs unwichtig. Die Person benötigt jedoch mehr Zeit allein und bevorzugt häufig wenige, intensive Beziehungen.
Mögliche Spannung
Eine hohe Ausprägung kann Rückzug als Ablehnung interpretieren. Eine niedrige Ausprägung kann häufige Kontaktwünsche als vereinnahmend erleben.
10. Familie
Das Familienmotiv betrifft das Bedürfnis nach Fürsorge, enger familiärer Verbundenheit und der Begleitung eigener Kinder. Bei hoher Ausprägung besitzt das Familienleben häufig einen zentralen Stellenwert.
Bei niedriger Ausprägung besteht weniger Bedürfnis nach klassischer Fürsorge oder Elternschaft. Beziehungen zu Kindern können stärker partnerschaftlich oder auf Unabhängigkeit ausgerichtet sein.
Mögliche Spannung
Das Motiv bewertet nicht, ob jemand ein guter Elternteil ist. Es beschreibt, welche emotionale Bedeutung Fürsorge und Familienleben für eine Person besitzen.
11. Status
Status bezeichnet das Bedürfnis nach Prestige, gesellschaftlicher Position und sichtbarer Bedeutung. Bei hoher Ausprägung können Titel, Marken, Exklusivität und der Zugang zu einflussreichen Kreisen motivierend wirken.
Bei niedriger Ausprägung sind Bescheidenheit und Gleichbehandlung wichtiger. Statussymbole besitzen wenig Bedeutung oder werden bewusst abgelehnt.
Mögliche Spannung
Statusorientierung wird häufig moralisch abgewertet, obwohl sie auch Leistungsbereitschaft und Repräsentationsfähigkeit fördern kann. Umgekehrt ist Bescheidenheit nicht automatisch frei von Bewertung. Auch die Ablehnung von Status kann zum eigenen Statussymbol werden.
12. Rache und Wettkampf
Dieses Motiv beschreibt das Bedürfnis nach Konkurrenz, Durchsetzung und dem Ausgleich erlebter Kränkungen. Bei hoher Ausprägung können Wettbewerb, direkte Auseinandersetzung und der Wunsch zu gewinnen starke Energie freisetzen.
Bei niedriger Ausprägung stehen Harmonie, Ausgleich und Konfliktvermeidung im Vordergrund.
Mögliche Spannung
Eine hohe Ausprägung kann Durchsetzungsfähigkeit fördern, aber Konflikte verschärfen. Eine niedrige Ausprägung erleichtert Versöhnung, kann jedoch dazu führen, eigene Grenzen nicht klar genug zu vertreten.
13. Eros und Schönheit
Dieses Motiv umfasst das Bedürfnis nach Sinnlichkeit, Sexualität, Ästhetik, Design und Schönheit. Bei hoher Ausprägung spielt die sinnliche und visuelle Qualität des Lebens eine wichtige Rolle.
Bei niedriger Ausprägung stehen Funktionalität, Schlichtheit und Nüchternheit stärker im Vordergrund.
Mögliche Spannung
Die Ausprägung sagt nichts über Attraktivität oder Beziehungsfähigkeit aus. Sie beschreibt, welchen Stellenwert sinnliche und ästhetische Erfahrungen im eigenen Leben besitzen.
14. Essen
Das Essensmotiv bezeichnet die Bedeutung von Geschmack, Zubereitung und Genuss. Bei hoher Ausprägung können Mahlzeiten, Kochen und kulinarische Erfahrungen einen wichtigen Teil der Lebensqualität ausmachen.
Bei niedriger Ausprägung erfüllt Essen vor allem eine körperliche Funktion. Planung und Zubereitung sollen möglichst unkompliziert sein.
Mögliche Spannung
Dieses Motiv ist nicht mit einer Essstörung oder mangelnder Disziplin gleichzusetzen. Gesundheitliches Essverhalten hängt von wesentlich mehr Faktoren ab als von der persönlichen Genussorientierung.
15. Körperliche Aktivität
Dieses Motiv beschreibt das Bedürfnis nach Bewegung, körperlicher Anstrengung und dem Erleben des eigenen Körpers. Bei hoher Ausprägung sind Sport und Aktivität wichtige Quellen von Wohlbefinden.
Bei niedriger Ausprägung besteht weniger Freude an körperlicher Belastung. Ruhige Tätigkeiten und geistige Beschäftigung können stärker bevorzugt werden.
Mögliche Spannung
Eine niedrige Ausprägung bedeutet nicht, dass Bewegung gesundheitlich unwichtig wäre. Sie zeigt lediglich, dass die natürliche Motivation dafür geringer sein kann und Bewegung bewusster in den Alltag integriert werden muss.
16. Emotionale Ruhe
Emotionale Ruhe bezeichnet das Bedürfnis nach Sicherheit, Entspannung und der Vermeidung von Risiken. Bei hoher Ausprägung werden mögliche Gefahren früh wahrgenommen. Vorbereitung und verlässliche Bedingungen reduzieren Belastung.
Bei niedriger Ausprägung besteht häufig mehr Gelassenheit gegenüber Unsicherheit. Abenteuer, Herausforderungen und Risiken können als anregend erlebt werden.
Mögliche Spannung
Eine hohe Ausprägung ist nicht mit Schwäche gleichzusetzen und eine niedrige nicht automatisch mit Resilienz. Vorsicht kann Risiken verhindern. Große Risikobereitschaft kann Chancen eröffnen und ebenso zu unnötigen Gefahren führen.
Warum wir andere durch unsere eigene Motivbrille betrachten
Steven Reiss bezeichnete die Tendenz, die eigenen Motive für selbstverständlich und allgemein richtig zu halten, als Self-Hugging. Wir bewerten andere Menschen danach, wie gut sie unseren persönlichen Bedürfnissen entsprechen.
Eine ordnungsorientierte Führungskraft hält spontane Mitarbeiter möglicherweise für unzuverlässig. Diese erleben dieselbe Führungskraft als kontrollierend. Eine Person mit hohem Beziehungsmotiv deutet Rückzug als Desinteresse. Die andere Person braucht lediglich Ruhe.
Beide Seiten betrachten das Verhalten durch die eigene Motivstruktur.
Aus Selbstverständlichkeit wird moralische Bewertung
Konflikte eskalieren, wenn aus einem Motiv ein moralischer Maßstab wird. Dann lautet die Botschaft nicht mehr: „Ich brauche mehr Planung.“ Sie lautet: „Du bist chaotisch.“
Nicht: „Mir ist häufige Nähe wichtig.“ Sondern: „Du interessierst dich nicht genug für mich.“
Nicht: „Ich entscheide gern unabhängig.“ Sondern: „Du bist unselbstständig.“
Die Kenntnis unterschiedlicher Motive löst einen Konflikt nicht automatisch. Sie ermöglicht aber eine präzisere Sprache. Statt die andere Person abzuwerten, kannst du beschreiben, was du brauchst und worin ihr euch unterscheidet.
Verständnis bedeutet nicht Zustimmung
Ein Motiv erklärt, warum ein Verhalten attraktiv oder belastend sein kann. Es rechtfertigt nicht jedes Verhalten. Ein starkes Machtmotiv entschuldigt keine Grenzüberschreitungen. Ein hohes Anerkennungsmotiv entbindet nicht von der Fähigkeit, Kritik auszuhalten.
Motive schaffen Verständnis. Verantwortung bleibt bestehen.
Wie Lebensmotive Entscheidungen beeinflussen
Die Lebensmotive sind besonders hilfreich, wenn eine Entscheidung auf dem Papier richtig erscheint, sich innerlich aber falsch anfühlt.
Beruf und Karriere
Ein Beruf kann deinen Fähigkeiten entsprechen und dennoch wichtige Motive verletzen. Eine hoch bezahlte Position bietet vielleicht Status und Macht, aber kaum Unabhängigkeit. Eine sinnstiftende Tätigkeit erfüllt den Idealismus, lässt jedoch Sicherheit oder Einfluss vermissen.
Es geht deshalb nicht nur darum, was du kannst. Ebenso wichtig ist, unter welchen Bedingungen du dauerhaft motiviert arbeiten kannst.
Führung und Zusammenarbeit
Mitarbeiter werden nicht durch dieselben Anreize motiviert. Mehr Verantwortung begeistert eine Person und überfordert eine andere. Ein öffentlicher Wettbewerb aktiviert manche Teammitglieder und stößt andere ab.
Gute Führung bedeutet nicht, für jede Person eine Sonderwelt zu schaffen. Sie bedeutet, Unterschiede zu erkennen und Aufgaben, Kommunikation sowie Verantwortung bewusster zu gestalten.
Partnerschaft
Viele Beziehungskonflikte drehen sich nicht um richtig oder falsch, sondern um unterschiedliche Bedürfnisse. Nähe trifft auf Unabhängigkeit, Ordnung auf Spontaneität oder emotionale Ruhe auf Risikofreude.
Eine Motivanalyse ersetzt kein Gespräch. Sie kann jedoch erklären, warum sich bestimmte Konflikte wiederholen, obwohl beide Partner gute Absichten haben.
Wie du deine eigenen Lebensmotive erkennst
Eine professionelle Analyse kann ein differenziertes Motivprofil erstellen. Auch ohne Test kannst du erste Hinweise sammeln, wenn du wiederkehrende Situationen genau beobachtest.
Achte auf Energie
Bei welchen Tätigkeiten vergisst du die Zeit? Welche Aufgaben geben dir Energie, obwohl sie anstrengend sind? Welche scheinbar einfachen Situationen erschöpfen dich regelmäßig?
Energie ist kein perfekter Maßstab, aber ein wertvoller Hinweis auf erfüllte oder verletzte Bedürfnisse.
Beobachte Konflikte
Worüber ärgerst du dich bei anderen besonders häufig? Welche Verhaltensweisen hältst du spontan für unverständlich, unvernünftig oder falsch?
Starke Bewertungen verraten häufig etwas über die eigene Motivstruktur. Vielleicht stört dich nicht nur das Verhalten, sondern die Tatsache, dass eine andere Person etwas völlig anders gewichtet als du.
Prüfe wichtige Entscheidungen
Welche Ziele verfolgst du seit Jahren? Geht es dabei wirklich um das sichtbare Ergebnis oder um das Bedürfnis dahinter?
Wenn du das zugrunde liegende Motiv erkennst, entstehen oft mehrere Wege, es zu erfüllen. Vielleicht brauchst du keine neue Position, sondern mehr Gestaltungsspielraum. Vielleicht suchst du nicht mehr Einkommen, sondern Sicherheit oder Status.
Was eine professionelle Motivanalyse leisten kann
Eine standardisierte Motivanalyse erfasst nicht nur, welche Motive dir wichtig erscheinen. Sie betrachtet ihre relative Ausprägung und das Zusammenspiel des gesamten Profils.
Dadurch können Fragen sichtbar werden wie:
- Welche Bedingungen brauchst du für langfristige Motivation?
- Welche Aufgaben entsprechen deinen inneren Antreibern?
- Wo lebst du gegen zentrale Bedürfnisse?
- Welche Konflikte entstehen durch unterschiedliche Motivstrukturen?
- Welche Ziele passen wirklich zu dir und welche wurden hauptsächlich von außen übernommen?
Analyse ist der Anfang, nicht das Ergebnis
Ein Profil verändert noch nichts. Sein Wert entsteht durch die Interpretation und Übertragung auf konkrete Entscheidungen.
Zwei Menschen mit einer ähnlichen Ausprägung können völlig unterschiedliche Lebenswege wählen. Entscheidend ist, wie ein Motiv mit Erfahrungen, Fähigkeiten, Werten und der aktuellen Lebenssituation zusammenwirkt.
Wenn du deine Persönlichkeit, Lebensmotive und Potenziale differenziert untersuchen möchtest, findest du hier weitere Informationen zur Potenzialanalyse.
Motive erklären viel, aber nicht alles
Kein psychologisches Modell bildet einen Menschen vollständig ab. Verhalten entsteht aus Motiven, Persönlichkeit, Erfahrungen, Fähigkeiten, sozialen Rollen und konkreten Situationen.
Die 16 Lebensmotive sind deshalb keine Schubladen. Sie sind eine Landkarte. Eine gute Landkarte zeigt Strukturen, ohne zu behaupten, jeder Weg sei bereits festgelegt.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Welches Motiv bin ich? Sie lautet: Was brauche ich, warum brauche ich es und wie kann ich dieses Bedürfnis so leben, dass es zu mir und zu den Menschen in meinem Umfeld passt?
Je besser du deine Antreiber kennst, desto weniger musst du dich durch fremde Vorstellungen motivieren. Du kannst Ziele wählen, die nicht nur vernünftig aussehen, sondern zu deiner eigenen Motivstruktur passen.
Quellen
Reiss, S. (2004): Multifaceted Nature of Intrinsic Motivation: The Theory of 16 Basic Desires
Havercamp, S. M. & Reiss, S. (2003): A Comprehensive Assessment of Human Strivings: Test-Retest Reliability and Validity of the Reiss Profile
Janke et al. (2021): Development and Validation of the German 16 Motives Research Scales
Reiss, S. (2000): Who Am I? The 16 Basic Desires That Motivate Our Actions and Define Our Personalities
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