Mit Symptomen leben

Umgang mit Stress

Wer, außer den zahlreichen Betroffenen, kann noch das Modewort „Burnout“ hören. Es ist eine Ermüdung hinsichtlich des Themas „Stress und seine gravierenden Folgen“ festzustellen. Leider! Klar, alles, was die Medien überthematisieren, führt irgendwann zu Überinformation und Überdruss. Die traurige Wahrheit aber ist und bleibt, dass die Erschöpfungsspirale immer weiter ihre Kreise zieht, zahlreiche Opfer hinterlässt und sich in vielen Köpfen die Meinung eingebrannt hat, dass Stress einfach zu unserem Zeitalter gehört und dagegen wohl nicht viel zu machen ist.

Zwei Aussagen hören Coaches mit regelmäßiger Zuverlässigkeit immer wieder:

1. „Was soll ich machen, so sind eben der Job und das Leben, ich kann nicht einfach kündigen und alles hinter mir lassen.“

Hintergrund dieser Aussage ist der fehlende Glaube, dass Veränderung überhaupt und insbesondere in der persönlichen Situation machbar ist. Und ergänzt wird dieser Zweifel oft mit dem Glaubenssatz, dass die eigene Situation nicht von einem Außenstehenden zu beurteilen, geschweige denn zu lösen sei. Hinzu kommt die oft irrige Selbsteinschätzung, dass wir die Belastungssituation klar erfasst haben und damit gut zurechtkommen.

„Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung“, schrieb einst der französische Flieger und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Veränderung zum Positiven heißt: sich die eigene Situation so objektiv wie möglich bewusst machen, negative Strukturen und Veränderungen erkennen und Klarheit über das eigene Wollen gewinnen. Oft genügt als Anstoß zur Veränderung der Blickrichtung ein Satz oder ein Gespräch mit einem Dritten.

Das bringt uns zu Aussage Nummer 2:

2. „Ach, ansonsten alles gut.“

Was steckt hinter dieser Aussage? Sie kann Floskel, Ablenkungsmanöver oder Selbstberuhigung sein. Aber meistens stecken dahinter eine gehörige Portion Verdrängung, Missinterpretation der eigenen Situation und schlicht die fatale Gewöhnung an die eigene Situation. Betrachten wir zum Beispiel eine Führungskraft Ende dreißig, die seit Jahren in einem wettbewerbsintensiven Arbeitsumfeld mit hoher Stressbelastung agiert. Diese kennt kaum noch eine normale, ausgewogene Arbeits- und Lebenssituation und hat sich an die täglichen Belastungen gewöhnt. An einem gewissen Punkt bemerkt diese Person, dass der Körper nicht immer alles mitmacht, sondern seinen eigenen „Kopf“ hat und plötzlich macht, was er will. Magenschmerzen, Rückenprobleme, Gereiztheit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Nervosität oder Ängste werden tägliche Begleiter des Lebens. Dann schwört diese Person Besserung, stellt temporär bestimmte Verhaltensweisen um und ist dankbar, rechtzeitig gehandelt zu haben, bevor es zu spät ist. Doch kaum spielt der Körper wieder mit – man hat wenige Nächte mal gut geschlafen, war beim Sport oder hatte einen tollen Urlaub – fällt man leider in die alten Muster zurück. Nachhaltig verändert oder gar verbessert hat sich nichts.

Bei diesem Verhaltensmuster entsteht das Bild einer Sinuskurve. Wenn wir – uns am unteren Ende der Kurve bewegend – an einem Tag wieder etwas Kraft und Energie haben, fühlen wir uns schnell am oberen Ende der Kurve und agieren, als hätten wir ausreichende und unbegrenzte Kraftreserven. Das führt nicht selten dazu, dass wir uns wieder mit vielen neuen Aufgaben und Plänen beladen, von denen wir kurze Zeit später überrollt werden.

In unserem Zeitalter der Digitalisierung und Always-on-Mentalität gibt es häufig keine Trennung mehr zwischen Arbeit und Beruf, die „Work-Life-Balance“ wird zur „Life-Balance“. Private Aktivitäten werden oft auch mit Übereifer, Ehrgeiz und hoher Aktivität (Joggen und sich gleich auf einen Marathon vorbereiten; mit Freunden treffen; endlich mal wieder lesen; Wohnung aufräumen; endlich mal mit Yoga anfangen…) umgesetzt. Das Ergebnis ist alles andere als erholsam, auch hier kommt es häufig zu Stress, Überforderung und am Ende zu Frustration und Resignation.

Der deutsch-amerikanische klinische Psychologe und Psychoanalytiker Herbert Freudenberger hat zusammen mit seiner Kollegin Gail North 12 Phasen des Verlaufs zum Burnout definiert:

1. Drang, sich selbst und anderen Personen etwas beweisen zu wollen

2. Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen erfüllen zu können

3. Überarbeitung mit Vernachlässigung persönlicher Bedürfnisse und sozialer Kontakte

4. Überspielen oder Übergehen innerer Probleme und Konflikte

5. Zweifel am eigenen Wertesystem sowie an ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden

6. Verleugnung entstehender Probleme, Absinken der Toleranz und Geringschätzung anderer Personen

7. Rückzug und dabei Meidung sozialer Kontakte bis auf ein Minimum

8. Offensichtliche Verhaltensänderungen, fortschreitendes Gefühl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit

9. Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen Personen; das Leben verläuft zunehmend funktional und mechanistisch

10. Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese Gefühle durch Überreaktionen zu überspielen wie beispielsweise durch Sexualität, Essgewohnheiten, Alkohol und andere Drogen

11. Depression mit Symptomen wie Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit

12. Erste Gedanken an einen Suizid als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Sicher finden sich viele von uns in einem dieser Phasenabschnitte wieder. Wer will sich nicht etwas beweisen, wer vernachlässigt nicht mal temporär seine eigenen Bedürfnisse. Soweit kein Grund zur Besorgnis. Häufen sich aber die Symptome und werden diese zur gelebten Routine im Alltag, ist es dringend Zeit zu handeln.

Zum Schluss eine gute Nachricht: zahlreiche Beispiele von Personen zeigen, dass Veränderung immer möglich ist und man diese fast immer selbst in der Hand hat und die aktuellen Gegebenheiten nicht immer gänzlich über Bord werfen muss, um ein neues Leben zu führen. Viele Menschen fürchten sich vor Veränderung, vor den Unwägbarkeiten der „Reise“, vor der Ungewissheit, ob man sich dann noch selbst kennt und sich treu bleiben kann. Deshalb halten sie an den bisherigen Lebensroutinen fest, die ihnen ja vertraut sind.

Doch: Veränderung lohnt, kann viel bewegen, Neues schaffen und Spaß machen. Dazu braucht man Mut, Bereitschaft und Lust, die eigene Situation anzupacken und zu verbessern.

By | 2017-01-30T09:01:39+00:00 August 29th, 2014|Coaching, Stress|